Wissensmanagement-Einmaleins:
„Wissen ist Macht“ – in diesem bekannten Sprichwort verbirgt sich bereits ein zentraler Teil der Antwort auf die Frage, worum es beim Wissensmanagement eigentlich geht. Denn Wissen bedeutet einen erheblichen Vorteil für denjenigen, der es besitzt. Zugleich schwingt im Machtbegriff mit, dass man Informationen eben auch vorenthalten oder gar als Druckmittel nutzen kann.
Hier setzt das Wissensmanagement als Gegengewicht an, im Unternehmenskontext spricht man auch von „Enterprise Knowledge Management“. Dabei geht es genau darum, Wissen innerhalb der Organisation so verfügbar zu machen, dass es eben nicht von Einzelpersonen abhängt, das heißt, von ihrer (endlichen) Betriebszugehörigkeit und ihrer individuellen Fähigkeit und Bereitschaft dieses Wissen tatsächlich zu teilen. Welches Potenzial in einem funktionierenden Enterprise Knowledge Management steckt, verdeutlichen zudem folgende Zahlen: Rund 82 Prozent aller Mitarbeitenden verbringen täglich mindestens eine halbe Stunde mit der Suche nach Informationen, bei einem ein Viertel sind es sogar über zwei Stunden (Quelle: Umfrage von OTRS).
In diesem Blogbeitrag widmen wir uns also nicht so sehr den soziologischen Dimensionen von Wissensmanagement, sondern seiner strategischen Relevanz für Unternehmen: Was bringt Enterprise Knowledge Management, wie ist es zu organisieren und technologisch zu unterstützen? Dabei geht es auch um aktuelle Herausforderungen wie die enorm anwachsenden Datenmengen und den Trend zum Einsatz neuester Technologien. So haben beispielsweise generative künstliche Intelligenz bzw. Large Language Modells das Potenzial zum echten Gamechanger für das Enterprise Knowledge Management.
Was ist Wissensmanagement?
Wissen ist die Grundlage für Entwicklung und Fortschritt und sorgt in Unternehmen beispielsweise für Innovation und Produktivität. Entsprechend wichtig ist die Aufgabe, Wissen zentral zu organisieren und zugänglich zu machen. Wissensmanagement bzw. Enterprise Knowledge Management beschreibt und steuert, wie der Umgang mit Wissen im Unternehmen organisiert ist. Es umfasst somit alle Personen, Prozesse und Technologien rund um den Erhalt und Austausch von Wissen. Kurz gesagt: Mit Wissensmanagement bezeichnen wir sämtliche strategischen und operativen Maßnahmen zur Optimierung von Wissen im Unternehmen.
Grundsätzlich unterscheidet man beim Wissensmanagement implizites Wissen – also etwa Erfahrungswissen, das beispielsweise in den Köpfen von Mitarbeitenden vorhanden ist – und explizites Wissen, das dokumentiert für alle im Unternehmen zugänglich ist. Dabei besteht das Ziel von Enterprise Knowledge Management im Kern darin, das passende Wissen den passenden Personen zum passenden Zeitpunkt zugänglich zu machen, sprich, den Anteil von explizitem Wissen zu steigern. So banal dies klingt, so groß ist die Bedeutung dieser Vorgänge im Rahmen der Unternehmensstrategie – was nicht unbedingt bedeutet, dass der Arbeitsalltag immer vom Blick aufs „Große Ganze“ und dem demokratischen Grundgedanken vom geteilten Wissen geprägt ist…
Der Mensch als Chance und Risiko
Die meisten Unternehmen betrachten ihr Personal als ihre wichtigste Ressource, womit genaugenommen deren Erfahrung, Wissen und Kompetenzen gemeint sind. Doch je höher das Durchschnittsalter in Unternehmen ist – oder je höher die Fluktuation – desto wahrscheinlicher ist auch der baldige Wegfall dieser Ressourcen. Der Handlungsdruck rund um Wissensmanagement in vielen Unternehmen ist also entsprechend hoch. Zugleich zeigt die Praxis wie eingangs erwähnt: Wissen ist eben noch immer auch ein Mittel zum Machterhalt oder zur Machtausübung. So kann ein Wissensvorsprung dazu dienen, die eigene Position zu sichern, Hierarchieebenen voneinander abzugrenzen oder Abteilungskämpfe auszutragen. Dass dies dem Unternehmen insgesamt keinen wirklichen Nutzen bringt, liegt auf der Hand. Wissensmanagement ist also ein zentraler Hebel, um der Abwanderung und dem Zurückhalten von Wissen entgegenzuwirken.
Welche Aufgaben hat das Wissensmanagement?
Bevor wir uns die spezifischen Vorteile und den konkreten Nutzen von Enterprise Knowledge Management im Detail anschauen, ist es hilfreich, die wesentlichen Funktionen des Wissensmanagements zu verstehen. Diese lassen sich nach der Unterteilung von Gilbert Probst, Kai Romhardt und Steffen Raub (Wissen managen, Springer Gabler, 2013) grob in die folgenden Teilaufgaben gliedern:
Wissen identifizieren: Hier geht es zunächst darum zu ermitteln, welches Wissen überhaupt für das Unternehmen von Bedeutung ist.
Wissensaufbau ermöglichen: Durch entsprechende interne Prozesse, Trainings und Tools soll die Wissensentwicklung im Unternehmen vorangetrieben werden.
Wissen zuführen: Jenseits des internen Wissenserwerbs gilt es, geeignete Partner zu identifizieren, die dem Unternehmen spezialisiertes Wissen zuführen.
Wissen verteilen: Es gilt, das vorhandene Wissen innerhalb der Organisation optimal zugänglich zu machen und eine Silobildung zu verhindern.
Wissen nutzen: Wissen erfüllt seinen Zweck nur dann, wenn es zum Vorteil des Unternehmens angewandt wird, also etwa, um den Output zu erhöhen, die Effizienz zu steigern oder Risiken zu minimieren.
Wissen erhalten: Hier gelangen wir zu einer Hauptaufgabe von Wissensmanagement, nämlich der Sicherung und Aktualisierung von Wissen, um es über Generationen hinweg zu erhalten und nutzbar zu machen.
Wissensziele definieren und tracken: Nur wenn klar ist, was mit dem Wissensmanagement erreicht werden soll, lässt es sich zielführend aufsetzen und der Erfolg mit entsprechenden Kennzahlen tracken.
Wir kommen später noch einmal auf die Aufgaben zu sprechen, wenn es darum geht, unterstützende Technologien für das Enterprise Knowledge Management einzusetzen. Hierbei geht es dann primär um Wissenserfassung, -speicherung und -austausch als Kernfunktionen entsprechender Softwarelösungen.
Was ist der Nutzen von Enterprise Knowledge Management für Unternehmen?
Die Aufgaben des Enterprise Knowledge Managements sind kein Selbstzweck, sondern sollen jeweils auf ihre Weise einen mittelbaren oder unmittelbaren Beitrag zur Wertschöpfung in Unternehmen leisten. Schaut man sich die vielfältigen mit dem Wissensmanagement einhergehenden Vorteile an, wird deutlich, warum Unternehmen – gerade in Zeiten hohen Wettbewerbsdrucks und steigender Nachhaltigkeitsanforderungen – zunehmend in entsprechende Wissensmanagement-Prozesse und -Technologien investieren:
- Wissen standardisiert erfassen
Mit entsprechenden Prozessen und Tools lassen sich Informationen in einem eindeutigen Format strukturieren, sodass eine konsistente Wissensdatenbank entsteht. Dadurch lassen sich die Informationen im Rahmen des Wissensmanagements systematisch verarbeiten, katalogisieren und zugänglich machen.
- Wertvolle Informationen dauerhaft nutzbar machen
Per Wissensmanagement erhalten alle Mitarbeitenden Zugang zu Expertenwissen und müssen sich die Informationen nicht mühsam selbst erarbeiten. Zudem wird reines Individualwissen in Kollektivwissen umgewandelt. Der erhöhte Informationsfluss kann die Innovationskraft und Wirtschaftlichkeit im Unternehmen steigern.
- Verbesserte Entscheidungsfindung
Es liegt auf der Hand: Bessere Informationen führen automatisch zu besseren und auch zu selbstbewussteren Entscheidungen. Sind alle Mitarbeitenden dank Wissensmanagement im Besitz der erforderlichen Fakten, müssen sie weniger intuitiv entscheiden. Per Enterprise Knowledge Management haben alle Mitarbeitenden Zugriff auf neueste Informationen und kollektives Wissen.
- Effizienzgewinne
Wissensmanagement spart deutlich Zeit bei der Suche nach Informationen. Zudem sind Mitarbeitende bei der Informationsbeschaffung weniger abhängig von einzelnen Kolleginnen und Kollegen, Vorgesetzten oder anderen personellen Bottlenecks. Außerdem lässt sich redundantes Arbeiten vermeiden, also beispielsweise doppelte Recherchen. Darüber hinaus ermöglichen Enterprise-Knowledge-Management-Systeme die Automatisierung wissensbezogener Prozesse und sorgen so für weitere Zeit- und Kostenersparnisse.
- Wissensvermittlung und -weitergabe
Allein, dass Wissen zentral über eine Plattform zugänglich gemacht wird, ist ein Anreiz für Mitarbeitende, sich eigenverantwortlich zu informieren oder weiterzubilden. Davon profitieren alle Seiten: Die Mitarbeitenden erhöhen ihren eigenen Wert für das Unternehmen und geben diesem wiederum zugleich Zugriff auf neue Kompetenzen.
- Übergreifende Kollaboration
Vor allem Enterprise-Knowledge-Management-Systeme sorgen als zentrale und interaktive Zugriffsorte für eine verbesserte Kommunikation und Zusammenarbeit – über Teams und Abteilungseinheiten hinweg. Entsprechende Plattformen für das Wissensmanagement stellen sicher, dass alle den gleichen Informationsstand besitzen.
- Verbesserter Kundenservice
Ein sehr konkretes Einsatzgebiet für Wissensmanagement liegt im Supportbereich. Der einfache und schnelle Zugriff auf erforderliche Informationen sorgt hier für einen effizienteren Service und erhöhte Kundenzufriedenheit.
- Kürzere Time-to-Market
Die Entwicklung neuer Produkte ist oftmals komplex und erfordert Zugriff beispielsweise auf Spezifikationen, juristische Vorgaben und Marktinformationen. Ein zentraler Zugang per Enterprise Knowledge Management sorgt für einen zuverlässigeren und beschleunigten Entwicklungsprozess.
Welche Herausforderungen sind rund um den Einsatz von Wissensmanagement zu lösen?
Wer alle Vorzüge eines Enterprise Knowledge Managements nutzen möchte, muss einige Herausforderungen meistern, beziehungsweise die erforderlichen Grundlagen schaffen. Das beginnt – wie bei fast allen Change-Projekten – mit dem Einbinden aller relevanten Stakeholder, vom Wissensarbeiter bis hin zu den relevanten Führungskräften. Nur wenn alle im Unternehmen das System für das Wissensmanagement mittragen, kann es seine Wirkung entfalten. Hierzu gehört auch eine umfassende Schulung und klare Rollenverteilungen, vor allem wenn es um den Einsatz einer entsprechenden Softwarelösung für das Wissensmanagement geht (hierauf kommen später noch einmal zurück).
Zudem sind aktuelle und zuverlässige Informationen das A und O beim Wissensmanagement. Hier gilt es, entsprechende Prozesse zur Freigabe, Aktualisierung und Verifikation aufzusetzen. Auch sind fragmentierte und über die Organisation und Systeme verteilte Informationen zusammenzuführen, damit das Wissensmanagement kein Flickenteppich wird. Da es oftmals um sensible Informationen geht, sind außerdem die Themen Datenschutz und Datensicherheit zu berücksichtigen. Last but not least: Vor dem Hintergrund der rasant anwachsenden Datenmengen in Unternehmen müssen sowohl die Prozesse als auch die personellen und systemseitigen Ressourcen für ein entsprechendes Informations- und Abfrageaufkommen gewappnet sein (Stichwort: „Cloud/Skalierbarkeit“).
Wissensmanagements als integraler Bestandteil
Es geht darum, dass Wissensmanagement ein integraler Bestandteil des Unternehmens wird. So heißt es im Buch „Geschäftsprozessorientiertes Wissensmanagement“ von Andreas Abecker, Knut Hinkelmann, Heiko Maus und Heinz Jürgen Müller (Springer, 2002): „Erfolgreiches Wissensmanagement setzt voraus, dass es in die tägliche Arbeit integriert ist, wie sie durch die Geschäftsprozesse eines Unternehmens vorgegeben wird. Wissensmanagement muss deshalb als integraler Bestandteil von Geschäftsprozessen und deren Gestaltung betrachtet werden. Wissen ist für ein Unternehmen relevant, wenn es die Geschäftsprozesse verbessert.“ Dies ist der Grundgedanke des dazugehörigen Konzeptes, das ebenfalls unter dem Namen „geschäftsprozessorientiertes Wissensmanagement“ bekannt ist und in dessen Zentrum unter anderem Wissensprozesse und Prozesswissen stehen.
Der Verweis auf diesen Ansatz bringt uns zum nächsten Thema, denn: Beim Erfüllen der Voraussetzungen kann es hilfreich sein, ein entsprechendes Framework für das Wissensmanagement zu berücksichtigen. Dies gibt dem Wissensmanagement ein theoretisches Fundament und einen systematischen Strukturrahmen.
Mögliche Ansätze als Rahmen für das Enterprise Knowledge Management
Wissensmanagement beginnt bereits mit Maßnahmen wie einer systematischen unternehmensweiten Ideenerfassung, strukturierten Brainstorming-Sessions oder Peer-Beratung, bei der im Vorfeld von Projekten ein Wissensaustausch aller Beteiligten stattfindet. Unternehmen, die ein umfassendes und nachhaltiges Enterprise Knowledge Management anstreben, sollten sich jedoch mit den gängigen Frameworks auseinandersetzen, die im Laufe der Zeit entwickelt wurden. Hierzu gehört unter anderem das bereits erwähnte Werk der Autoren Probst, Romhardt und Raub, das die Aufgaben des Wissensmanagements klar untergliedert. Zu den absoluten Pionieren im Bereich der Frameworks für das Wissensmanagement zählen zudem die Autoren Hirotaka Takeuchi und Ikujiro Nonaka, die mit „The Knowledge Creating Company“ im Jahr 1995 eine Art Grundlagenwerk veröffentlicht haben. Hier geht es vor allem darum, wie aus implizitem Wissen explizites wird, das heißt: Wie gelangt das Wissen vom Einzelnen in die Organisation und umgekehrt.
Von der Struktur zur Software
Ein äußerst Tool-orientierter Ansatz ist selbstredend das „Knowledge Engineering“ als Teilgebiet des Wissensmanagements. Hier geht es darum, komplexe Wissensbereiche auf eine Struktur zu reduzieren, die sich dann computergestützt abbilden lässt. Ein weiterer Zugang sind Wissensmanagement-Reifegradmodelle wie das „Knowledge Management Maturity Model” (KMMM) und das “APQC Knowledge Management Maturity Model”. Diese Modelle bewerten den Entwicklungsstand des Wissensmanagements in einem Unternehmen und bieten eine Roadmap zur Verbesserung.
Das Zachman-Framework ist wiederum ein Enterprise-Architecture-Framework, das auch Aspekte des Wissensmanagements abdeckt. Es wurde in den 1980er Jahren von John Zachman entwickelt und dient zur Organisation und Darstellung der verschiedenen Perspektiven und Aspekte einer Unternehmensarchitektur. Das Zachman-Framework ist wie eine Tabelle aufgebaut, in der sechs verschiedene Perspektiven mit sechs verschiedenen Aspekten kombiniert werden. Diese Struktur ermöglicht es, umfassende und detaillierte Beschreibungen von Informationssystemen zu erstellen.



